Erinnerungen an Gabriel

Erinnerungen an Gabriel

HAMBURG (Tamurt) – Mit großer Trauer habe ich vom Tod meines langjährigen Freundes und Genossen Gabriel Levy erfahren. Leider kann ich heute nicht auf der Trauerfeier für Gabriel sein. Die Nachricht erreichte mich zu spät. Heute bin ich mit Zehntausenden anderen Linken aus Deutschland und ganz Europa in Hamburg. Wir protestieren trotz massiver Polizeiangriffe und Demonstrationsverbote gegen das G20-Treffen, gegen den Kriegsbrandstifter Trump und den Kurdenmörder Erdogan. Ich bin aber sicher, dass Gabriel es verstanden hätte. Ja, er hätte es gut geheißen und ermutigt, dass ich heute hier bin.

Unsere erste Begegnung fand 1991 statt. Ich organisierte damals noch für die Jungsozialisten eine Veranstaltung über die Zukunft des Nahen Ostens nach dem Golfkrieg. Wir luden Palästinenser und Kurden ein und wollten auch gerne einen Israeli auf dem Podium haben. Die palästinensischen Genossen meinten, ich sollte doch einmal Gabriel Levy anrufen. Israeli sei der zwar nicht, aber ein antizionistischer Jude, der solidarisch an der Seite des palästinensischen Kampfes gegen die Besatzung stehe.

Seit damals waren wir befreundet. Über Gabriel lernte ich die trotzkistische IV. Internationale und ihren leider bald verstorbenen Vordenker Ernest Mandel und ihre Ziele des internationalen Sozialismus und der Rätedemokratie kennen. Diesen Zielen blieb ich auch nach meinem Austritt aus der IV. Internationale verbunden, ebenso wie die Freundschaft mit Gabriel andauerte und niemals unter kleinlichen politischen und organisatorischen Differenzen litt.

Mit Gabriel war ich in den letzten 25 Jahren auf ungezählten Demonstrationen. Unvergessen ist mir, wie wir 2004 gerade zusammen im Biergarten saßen und eine leckere von Gabriel zubereitete Brotzeit aßen, als uns ein Hilferuf per Telefon erreichte. Rund hundert sehr junge Antifaschisten hatten sich vor einem Haus versammelt, in dem sich gerade eine Nazipartei tagte und die Polizei attackierte die Linken und kesselte sie ein. Gabriel und ich überlegten nicht lange. Wir packten die Brotzeit ein und eilten den noch unerfahrenen Genossen zur Hilfe. Gabriel hielt eine glänzende Agitationsrede gegen den Faschismus und gewann damit das Vertrauen der Antifaschisten. Es war dann unserem Einfluss auf die Demonstration und unseren vermittelnden Gesprächen mit der Polizeiführung zu verdanken, dass die Polizei am Ende alle Demonstranten wieder frei ließ und es zu keinen Festnahmen kam.

Vor zwei Jahren, als sich die Herren der Welt in Elmau zum G7 versammelten, demonstrierten Gabriel und ich mit Zehntausenden anderen in München für eine gerechte Weltwirtschaftsordnung, gegen Neoliberalismus und ausbeuterische Freihandelsabkommen. Und Gabriel hielt dabei die Berberfahne hoch – in seinen letzten Lebensjahren galt sein politisches Engagement insbesondere dem Selbstbestimmungskampf der Kabylei. Noch im Januar dieses Jahres feierten wir in Berlin zuerst das kabylische Neujahrsfest um am nächsten Tag gemeinsam an der alljährlichen Gedenkdemonstration zu den Gräbern von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg auf dem Sozialistenfriedhof teilzunehmen. Leider konnte Gabriel sich seinen großen Wunsch nicht mehr erfüllen, die Kabylei einmal zu besuchen.

Gabriel, der marokkanische Jude und Antizionist, der seit Jahrzehnten in Bayern lebende Franzose, der Freund der Palästinenser und der Kabylei, der Marxist und zugleich an einen Gott Glaubende, der Psychologe und selber unter einer psychischen Krankheit Leidende wollte niemals nur auf eine Identität festgelegt werden. In eine Schublade gesteckt zu werden, gehörte zu den wenigen Dingen, die ihn ernsthaft böse werden ließen. Aber mit den Worten Isaak Deutschers meinte ich, dass Gabriel einer der „nichtjüdischen Juden“ war – ein von seiner jüdischen Herkunft zwar geprägter aber die jüdische Religion nicht praktizierender Humanist und Internationalist.

Damit ist Gabriel auf dem Neuen Israelitischen Friedhof in guter Gesellschaft. Er findet hier seine letzte Ruhe an dem Ort, an dem auch der von einem antisemitischen Eiferer ermordete Revolutionär und erste Ministerpräsident Freistaates Bayern, Kurt Eisner und der von Freikorpsschlächtern erschlagene Anarchist Gustav Landauer ihre letzte Ruhe gefunden haben. Auch der mit den Worten „Wir Kommunisten sind alle nur Tote auf Urlaub“ nach der Niederschlagung der Münchner Räterepublik 1919 mutig seinem Hinrichtungskommando entgegengetretene Eugen Leviné ist hier begraben. Sie alle teilten Gabriels Ideale einer Welt ohne Ausbeutung, Unterdrückung und Krieg. Sie teilten das Ideal eines demokratischen Sozialismus, in dem der Mensch im Mittelpunkt steht.

Gabriel wird mir sehr fehlen, Gabriel mit seinem Humor und seinen kritischen Fragen,  Gabriel mit seinen guten Ratschlägen und seiner Hilfsbereitschaft und seiner Gastfreundschaft. Wir haben mit Gabriel einen guten Genossen und engen Freund verloren.

Ruhe in Frieden!

Von Dr Nick Brauen

 

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