Sichere Herkunftsländer: Marokko und Algerien?

Sichere Herkunftsländer: Marokko und Algerien?

HAMBURG (Tamurt) – Seit ein paar Monaten diskutiert Europa, um irgendwie die Flut ankommender Flüchtlinge zu mindern, darüber, ob man Algerien und Marokko nicht als sichere Herkunftsländer deklarieren sollte.

Was gibt es zu diesen Ländern zu sagen? Zunächst kann man konstatieren, dass in beiden Ländern kein Krieg herrscht. Dennoch gibt es dennoch in beiden Ländern Bevölkerungsgruppen, denen man unter Vorbehalt politisches Asyl gewähren sollte. Nämlich den Masiren (Selbstbezeichnung sg. Amzigh / pl. Imazighen). Sie sind in diesen Ländern nach wie vor unterdrückte und marginalisierte Ethnien. Sie werden aber nicht aufgrund ihrer Ethnie verfolgt, sondern für ihr Engagement in ihrer Heimat Demokratie zu installieren und für Menschenrechte zu kämpfen.

Lyazid Abid Herausgeber dieser Zeitung hat dazu Folgendes anzumerken:

„Deutschland und Europa sollten nicht den Fehler machen, die offizielle Identität aus den entsprechenden Grundgesetzen dieser Länder anzuerkennen. Es gibt dort mehrere Bevölkerungen und damit auch mehrere Kulturen und jede von ihnen hat seinen eigene Art mit seinem Gegenüber umzugehen.“

Kabylen im Ausland gut integriert

Jenes sagt er auch mit Hinblick auf den Umgang mit den in Europa lebenden Masiren, die sich in der Regel sehr gut integrieren lassen. In Frankreich gibt es dafür besonders viele positive Beispiele. Die Kabylen sind in Frankreich gerade in der Debatte um den Islam zu einer demokratischen Kraft geworden. Häufig ist ihre allzu liberale Auslegungsweise des Islam den Machthabern ihrer Herkunftsländer ein Dorn im Auge. Sie wünschen sich lieber eine blinde, tiefreligiöse und leicht zu manipulierende Schafherde als Volk.

Die Masiren, auch Berber genannt, werden seit Jahrzehnten von den sog. Arabophonen, also von der arabisch sprechenden Bevölkerung ihres Landes unterdrückt, auch wenn diese nicht unbedingt die Mehrheit stellen, wie das in Marokko der Fall ist, sitzen diese Arabophonen in leitenden Positionen und sind an der politischen Macht.

NGO’s sehen tatenlos zu

Die Probleme beider Länder weisen zwar gewisse Gemeinsamkeiten auf, aber es gibt weitere unterschiedliche Probleme: Die marokkanischen Masiren wehren sich seit ein paar Jahren gegen die kalte Enteignung ihrer Ländereien, die seit Jahren passieren. Der Staat bereichert sich und niemand schreitet ein, auch wenn dieses Problem bereits bei den großen Menschenrechts NGO’s bekannt ist. Alle sehen tatenlos zu.

Das MAK, welches sich, nachdem es vergeblich für eine Autonomie der Kabylei im Nordosten Algeriens kämpfte, setzt sich nun für eine Selbstverwaltung ein. Träumt insgeheim auch von einer Unabhängigkeit der Kabylei. Sie sind es leid, dass die kabylischen Schüler und Studenten sich von den Arabophonen schikanieren lassen müssen. Auch wenn das Kabylische seit diesem Jahr Amtssprache ist, ist sie weiterhin eine unbedeutende Sprache und wird nicht hinreichend unterstützt. Das Arabische hingegen ist eine Sprache, die nicht wenige Kabylen nicht einmal beherrschen, aber auch nicht beherrschen wollen.

Sie setzen sich nun also für eine Selbstverwaltung ihres Landesteils ein und sind von der Regierung gar nicht gern gesehen und so gibt es seitens der Regierung regelmäßig Einschüchterungsversuche. Aktivisten werden inhaftiert, bedroht, eingeschüchtert und in jüngster Zeit gab es sogar Ermordungen politischer Aktivisten.

Anfang März fand der dritte MAK-Kongress statt. Das MAK steht für Mouvement pour l’Autodétermination de la Kabylie (Bewegung für Autonomie/Selbstbestimmung der Kabylei.) Seitens des algerischen Staates wurde die Versammlung untersagt, fand aber dennoch statt. Alle im Ausland und auch in Algerien lebenden Unterstützer hielten die Luft an und warteten gespannt, ob es hunderte Festnahmen geben würde. Am Ende wurden viele Sympathisanten von Einsatzkräften daran gehindert sich dem Veranstaltungsort zu nähern.

Genau so ist es mit dem CMA Congres Mondial Amazigh (Welt- Masiren-Kongress) der jährlich in unterschiedlichen masirischen Ländern wie Marokko, Algerien und den kanarischen Ländern stattfindet. So berichtete der marokanische Masire Rachid Bouksim, Präsident des Filmfestivals Issni N’Ourgh und Radiomoderator beim staatlichen Sender SNRT, dass er vor ein paar Jahren bereits in Algier am Flughafen gewesen sei und nicht einreisen durfte. Normalerweise benötigen die Bürger Nordafrikanischen Länder kein Visum untereinander. Dennoch wurde ihm und einer ganzen Delegation aus Marokko die Einreise nach Algerien am Flughafen verweigert, weil klar war, zu welchem Zweck er gekommen war. In Algier selbst sind Versammlungen jeglicher Art sowieso verboten.

Auch im Süden Algeriens brodelt es. Die Mozabiten streben auch ihre Autonomie an. Die Arabophonen verwüsten grad ihre Kulturgüter und Friedhöfe und es herrschen bürgerkriegsähnliche Zustände. Die Köpfe der Autonomiebewegung, unter ihnen Dr. Kameledine Fekhar, wurden vom Staat kurzerhand einkassiert und sind ohne rechtsmäßige Anklage, geschweige denn einer Verurteilung, im Gefängnis verschwunden. Zwischenzeitlich war nicht einmal klar, in welchem Gefängnis sie festgehalten wurden. Fakhar ist seit Monaten im Hungerstreik und riskiert sein Leben, denn er ist im Gefängnis durch die unmenschlichen Zustände bereits an einer Hepatitis erkrankt.

Einige Aktivisten haben sich zu weit aus dem Fenster gelehnt und haben Algerien verlassen müssen. Einer von ihnen bekommt in der Schweiz Asyl, aber da er sein politisches und mediales Engagement nicht aufgeben will, bekommt seine Familie in Algerien weiterhin Drohungen.

sicher oder nicht?

Um nun noch einmal auf die anfänglich gestellte Frage zurück zu kommen, ob Algerien und Marokko als sichere Herkunftsländer eingestuft werden können, kann man jenes also nur unter Vorbehalt mit bejahen. Man darf die wenigen Menschen, die sich aber für demokratische Prozesse im Land einsetzen keinesfalls in den Rücken fallen und sie ans Messer liefern, denn sie vertreten im Grunde die europäischen Interessen und setzen sich dafür ein, dass am Ende solche Verhältnisse in ihrem Land herrschen, dass sich niemand mehr auf den Weg ins „gelobte Land Europa“ machen muss.

Uli Rohde – Tamurt

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